Utility Electronics 2010
24. Juni 2010 - 22:00 UhrEin weiterer Teil der Betrachtungen zur Technologie von Morgen im Heute. Heute zu Gebrachselektronik, wie sie heute schon überall zu finden ist – vom Handy bis über Fahrzeugelektronik bis zum GPS. Die folgenden Gedanken zeigen einige Wege, wie die Saat aktueller Technologien aufgehen kann. Sie sind die coolen Spielzeuge, mit denen Gearheads und Cyberpunks spielen.
The Street finds its own uses for things – William Gibson.
Die Neue Ordnung: Jeder hat einen Mail-Client, jeder hat einen Online-Kalender und er hat ihn immer dabei. Wer seine Termine nicht mehr wahrnimmt, will sie nicht wahrnehmen. 15min früher kommt ja unweigerlich die Benachrichtigung. Dafür funktionieren Absagen nun auch vorformatierte Standard-Mails. Dies gibt einem unachtsamen Umgang sicherlich Vorschub, weshalb sich im Hintergrund eine kleine Minderheit formt, die wieder handgeschriebene Briefe verschickt. Zwar werden auch diese mit LightPens geschrieben und können nachbearbeitet werden, aber der Gedanke zählt.
Smartphones als Portal/Thick Client für Cloud-Anwendungen: Die Menge an Daten, die wir verwalten wird nicht kleiner. Auch wenn der tatsächliche, schriftliche Content sich in Grenzen hält, haben doch alleine Bilder ein gewaltiges Volumen. Daneben tragen die großen Identity Provider wie Google und Facebook ihre IDs in Brückendatenbanken zusammen und nehmen mithin riesige Authentifizierungsapplikationen in Betrieb. Auf diese greift wirklich jeder zu – mit den zu erwartenden Mengen von Angriffen auf den Mechanismus. Darüberhinaus werden die ersten Bemühungen unternommen, die großen Online-Bezahlsysteme zu verbinden. Gewaltige SAP-Implementierungen mit Millionen von Benutzern, eng verwoben mit einem harten Kern aus LAMP-Shops. Yeehaw.
Steampunk und Krudismus: Was ist der nächste, letzte Schrei nach dem iDesign? Der Trend schlägt auf das Gegenteil um und zwei große Richtungen spalten sich ab: Im Steampunk wird hoher Technologie ein mechanisches Äußeres gegeben, ein viktorianischer Historismus greift um sich, der auf vielen Ebenen als Sehnsucht nach einfacheren Zeiten gedeutet wird. Entsprechend werden auch die Interfaces umgedeutet – an Stelle von Zwei-Finger-Gesten werden nun solide Schalter und Schieberegler genutzt. Sie geben die Illusion von Kontrolle der Technologie.
Im Krudismus werden die bisherigen Design-Philosophien konsequent verneint. Gewünscht ist ein Design, daß klobig und kantig ist wie die 80er. Wartungselemente werden hervorgehoben, Schnallen, Nieten und Klammern halten die Geräte zusammen. Die etablierten Design-Blogger sprechen von einer grundsätzlichen Ablehnung von Verzierungen, von einem positiven ‘Ingenieurismus’, in dem die Funktion vor dem Design steht.
Und schließlich gibt es natürlich die Fortführung bekannter Design-Konzepte mit immer weniger Berührungsoberfläche und immer mehr eingesetzten Gliedern. Der letzte Schrei ist die optische Abtastung der Hände, sodaß selbst kleinste Bewegungen der Finger in Befehle übersetzt werden können. Diese sind insbesondere bei Gamern beliebt, wobei es mittlerweile etablierte Minimalwerte zur Wellenlänge des Lichts gibt. Da haben sich doch einige die Finger verbrannt.
Pads als Schulbuch & Schulheft-Ersatz: Schulbücher kosten Kohle. Und zwar nicht zu knapp, wie jeder Kultuspolitiker bestätigen kann. Drum ist der Umschwung vom Papier zum Allzweckwerkzeug gegeben. Die Kinder spielen mit ihren Pads und kennen damit schon am Ende der Grundschule alle Tricks, mit denen sie ihr Werkzeug am geschicktesten Einsetzen. Ein hohes Maß an Technikkompetenz folgt, eine Unbefangenheit, die sich in hart gesicherten Schulsystemen äußert.
Shanzhai Product Hacking: Ein etabliertes Geschäft in China und Fernost allgemein. Hardware-Manufakturen für maßgeschneiderte Produkte und kleine Kassen. Die oben genannte Technikkompetenz zeigt sich vor allem hierin: Jugendliche haben auf breiter Ebene keine Angst vor dem Gerät und nutzen es wie es ihnen gerade gefällt. Im großen Stil werden alte Pads auseinandergenommen auf wunderbare Form wieder zusammengesetzt: Fernbedienungen, JackPads, Videophones und Spielkonsolen. Alles was dazu gehört sind einige Chips aus Off-the-Shelf-Graphikkarten und eine Plastik-Verschalung aus einer Auto-CAD-Manufaktur. Easy Money.
Beamer: Die Beamer-Technologie wird immer besser und billiger. Sie wird in unsere neuen smarten Autos als HUDs eingebaut werden, als Werbung in Schaufenster und unter Wolken. Coole Dampfschirme werden die Leinwände ersetzen. Stäbe werden die Pads mittelfristig ersetzen; aus ihren Seiten wird man Bildschirme ausrollen können. Unter Strom werden die Bildschirmfolien fest und sind berührungsempfindlich. Eine interessante Neuerung werden die Desaster-Warnungen werden – ähnlich wie die Werbungen projezieren auch sie ihre Warnungen in die Rauchwolken der Störfälle.
Short Range Document Transfer: Unter dieser oder einer ähnlichen Abkürzung werden endlich schnelle und bandbreitenstarke Übertragungen zwischen zwei Pads möglich werden. Und wir treffen uns wieder in dunklen Ecken, um Warez zu tauschen.
UrbanNotes: Notizen, Internet-Addresse oder Bilder, die in RFID-Aufkleber gespeichert werden und nur im Umkreis von wenigen Metern lesbar sind. Ihr Aufkommen hat dazu geführt, daß Empfänger für sie in Handys eingebaut werden. Die Aufkleber können in kleinen Serien von speziellen RFID-Druckern hergestellt werden. Häufig werden sie für Underground-Parties genutzt, aber auch in Wahlplakate werden sie eingedruckt. Bisweilen werden sie auch von Dealern genutzt, um ihre wechselnden Standpunkte zu veröffentlichen. Zu diesem Zweck werden die Informationen fragmentiert und auf verschiedene Standorte verteilt.
Abenteuer mit CyberUtilities
Briefträger: Es gibt Dinge, die sich nur handschriftlich niederfassen lassen. Dazu gehört das Testament einer älteren Dame, die ihres per Post an ihren Anwalt geschickt hat. Sie ist seit dem DotCom-Boom maßgebliche Teilhaberin eines Unternehmens, daß mittlerweile achtmal übernommen wurde. Einer der Börsenverantwortlichen des Unternehmens gibt der Gruppe 48 Stunden, um herauszufinden, welche Eignergruppe die Aktion unter ihre Kontrolle bringt.
0-Day: Ein Hacker hat eine kritische Schwachstelle im größten Authentifizierungsdienst am Markt entdeckt. Die Spielergruppe steigt ein in eine unerbittliche Hatz nach dem Hacker und seinem Code.
Falsche Adresse: Einer der örtlichen Shanzhai-Techies hat eine Lieferung von seiner Chip-Schmiede bekommen, die er nicht erwartet hatte. Ein Stapel experimenteller Hardware wurde an ihn statt an eine örtliches R&D-Center geschickt. Er wendet sich an die Charaktere mit der Bitte um Schutz, denn er weiß, daß dem Paket nur Ärger folgen wird. Und tatsächlich tauchen kurze Zeit später zwei Meatboys eines Syndikats vorbei – sie folgen dem Ruf eines Hackers, der die SQL-Injection-Attacke ursprünglich im Versandsystem der Schmiede untergebracht hat. Wenige Stunden später hat auch die Schmiede von ihrem Fehler Notiz genommen und schickt ihr eigenes Team von Armed Damage Control Specialists.
Sabotage: Passt immer, insbesondere aber im Bezug auf Fahrzeuge. Es gibt dutzende von Systemen, die die Sicherheit der Fahrt gewährleisten. Als Mensch gewöhnt man sich daran. Falls diese Systeme ausfallen, kommt es zu wahrlich gigantischen Karambolagen. Die ersten Kinder sind diesbezüglich schon in den Brunnen gefallen, so daß die Regierung nun Aufrüstungen auf Fahrkontrollsysteme der dritten Generation steuerlich begünstigt. Diese lassen sich nicht vernünftig tunen, weshalb sie nicht angenommen werden. Das Resultat in diesem Fall ist ein Toter weil er korrekt fuhr. Seine Wettbewerber in Tuning Contest wollten ihm ans Kunstleder und bekamen es. Die Frage ist: Welcher? Die Gruppe wird sich in die Tuner-Gemeinde einschmuggeln müssen, um das herauszufinden. Vier Wochenenden Polo-Club Bergstraße, olé.
Short Range Document Transfer: Stell Dir vor Du bist wichtig. Stell Dir vor, Du hast Deinen Rechner seit zwei Wochen nicht mehr gepatcht. Stell Dir vor, ein Virus schiebt deine privaten Dateien zu allen Passanten mit offener Schnittstelle. Glaubst du, du wärst hektisch?
Glücklicherweise gibt es dafür Budgets und Leute, die jede Person auf deinem Weg identifizieren und besuchen können. Diese Leute heißen Abenteurer.
Fragments: In nur 48 Stunden müssen 12 RFID-Tags in der Metropolregion gefunden werden. Jedes Tag enthält einen Hinweis auf das folgende Tag sowie einen Tip für den Aufenthalt des Entführungsopfers. Das erste Tag befindet sich außen auf dem Kirchturm, das zweite im Keller einer Ghetto-Hütte, und so weiter.


