31. Juli 2010 - 20:34 Uhr
Ein besonderer Vorteil meiner momentanen Lebenssituation ist die Möglichkeit, sich spontan etwas gönnen zu können. So obduzierte ich die wie gewöhnlich angespannte Versorgung mit Nährstoffen in meinem Heime und machte mich dann auf die Jagd. Die Jagd – ein unbestimmter Marsch durch die Quadrate, neugierig und offenherzig auf der Suche nach der Futterstelle du jour. So kam ich an Thailändern, Chinesen und Japanern vorbei, an Bayern, Pfälzern und Deutschen. Zuletzt blieb ich vor einem Griechen stehen – am Stadthof, dem Zentrum Mannheimer Verwaltung – und entsann mich des momentan Suizides des griechischen Staates. Wirtschaftshilfe über Wirtschaften ist ein altes Motiv. Noch die passende Lektüre besorgt und ich war bereit für mein Mahl. Dies gestaltete sich trotz des bedingten Interesses der Bedienung sehr schmackhaft, insbesondere durch die leckeren Sätze des Aristoteles, die meinen Synapsen-Gaumen hocherfreuten. Ein Beispiel: “Die Komödie sucht schlechtere, die Tragödie bessere Menschen nachzuahmen, als sie in der Wirklichkeit vorkommen.”
Bedenkt diesen Satz in kurzer Weile und bezieht ihn auf die Medienwelt. Denn in dieser Befinden wir uns mit Aristoteles’ Poetik von ihren Ursprüngen bis zu ihrer Vollkommenheit. Parallelen sind leicht geschaffen: Von hibbeligen Darstellungen unseres Möchtegern-Staatsmannes Schwesterwelle bis zum aufstoßenden Wackeln einer Kohl-Imitation bietet das komödiantische Kabarett jedes Auswurf schlechter Menschen. Gleichermaßen bieten unerwartete Todesfälle, sein es Torwarte oder Marschierende der Liebe, Dramen, die zu ihrer Erhöhung in göttergleiche Höhen führen. Man könnte nun meinen, die Grenze sei der Tod – den Lebenden sei der Spott, den Toten die Verehrung gewidmet. Man sieht dies allenthalben im Anzeigenteil der Tageszeitungen. Aber dies schneidet die Wirklichkeit nur in ungerader Tangente.
“Denn von Dingen, die wir in Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z.B. Darstellungen von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen.”
Aristotels spricht hier über Freude an der Nachahmung, die seiner Meinung nach die Dichtkunst hervor gebracht hat. Die Menschen “freuen sich also deshalb über den Anblick von Bildern, weil sie beim Betrachten etwas lernen [...]“.
Dies ist auf das Kabarett gemünzt ein Jackpot. Wer will schon Bundestagsdebatten sehen, wenn man den pointierten Singsang unserer Fürstin genauso gut von Herrn Priol vorgeführt bekommt – mit mehr Witz und weniger Lügen. In den billigen Vorabenddramen der High Society gilt dies um so mehr. Mithin ist die Rolle von Paris, William und Amy den Menschen zu zeigen, was geht und was nicht. Meist mit unrühmlichem Ausgang voll Tränen und Niedertracht, mit einer Tragödie eben. Darin sind sie gut, dies ist ihre Forte, auch und insbesondere wenn sie sich selbst für mehr als Puppen in diesem Spiel halten.
Allein, es hakt an einer Sache: “Die Dichtung hat sich hierbei nach den Charakteren aufgeteilt, die den Autoren eigentümlich waren. Denn die Edleren ahmten gute Handlungen und die von Guten nach, die Gewöhnlicheren jedoch die von Schlechten [...]“. Wie mir scheint, gibt es in der Welt der Welt der Sender und der Empfänger mehr Gewöhnliche als Edle, mehr Leute, die den Mißstand pflegen als die Tugend. Gewiß, nach alter Manier gehen in der Alltagspoesie die Guten ins Töpfen und die Schlechten ins Kröpfchen, aber wer mag dies dem Audi-Fahrer erklären, der mit 200 Sachen blinkend den Auspuff erforscht? Er gehört zu den Erfolgreichen, nicht zu den Gewöhnlichen. Ihn interessiert kein Parkverbot, Überholverbot oder Handy-Verbot, denn Erfolg steht unterschwellig über edel oder schlecht.
Was ist das für ein Bild? Und wieviel Nachahmer findet es?
Zu viele, denn der Irrweg in den Auspuff ist ein dritter Weg, der keiner ist. Er führt gen Komödie und Drama, wie jeder andere auch. Meist in die Tragödie, wenn der Brückenpfeiler stärker war oder die Kinder des Erfolgreichen ihren Ahnen verdammen. Bisweilen auch in die Komödie, wenn millionenteure Pferdestärken italienische Treppen hinuntergetrieben werden. Was bleibt sind die Bretter, die die Welt bedeutet. Und mit ihnen die Poesie:
What is our life? A play of passion,
Our mirth the music of division,
Our mother’s wombs the tiring-houses be,
Where we are dressed for this short comedy.
Heaven the judicious sharp spectator is,
That sits and marks still who doth act amiss.
Our graves that hide us from the setting sun
Are like drawn curtains when the play is done.
Thus march we, playing, to our latest rest,
Only we die in earnest, that’s no jest.
Sir Walter Raleigh (1552(?)–1618)